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Agilität und Kairos – alte Prinzipien

By 24. Juli 2018 No Comments

Agil – aber was heißt das schon ?!

Haben Sie sich das auch schon gefragt? Die letzten Jahre werden immer mehr Berichte über Agilität und Selbst-Organisation verbreitet – die Vorstände fordern es von Ihren Führungskräften und beeindrucken damit die Investoren. So muss es sein – das ist der Weg, also GO. Die Berater sagen, dass man es dringend braucht, sonst geht man unter. Die Dramaturgie fehlt nie in den Texten und dann beschwören auch noch alle die VUCA Welt – wo alles unklar und unvorhersehbar ist. Wenn es für die IT-Leute noch die Möglichkeit gibt sich nun endlich mit SCRUM zu beschäftigen, ist es doch fraglich, wie man diese Forderung nach Agilität in der Verwaltung und in den Prozessen umsetzt. Letztendlich haben alle mühsam jahrelang alles in SAP eingestellt, alles standardisiert und Prozesse als heilig beschreiben. Jeder, der einen Fehler machte, die richtigen Daten an der falschen Stelle eingab, oh weh, da hatte das Rechnungswesen seine Probleme! Und jetzt auf einmal agil … aha … und wie bitte soll das in SAP gehen?

Agilität, Speed und Cashflow – und das alle mit SAP?

Ich war inzwischen in mehreren Change Projekten involviert, die genau das zum Thema hatten. Es wurde viel Papier produziert, Powerpoints und Memos – aber so richtig klar gesagt, wie man das denn jetzt mit den Mitarbeitern besprechen soll, hat es niemand. Geschweige, wie man damit umgeht. Stellen Sei sich vor: Der Vorstand predigt wie auf der Aktionärsversammlung: Agilität, Speed und Cashflow. Und die Mitarbeiter verstehen: OK, wir bauen Hierarchie ab, wir dürfen ausprobieren, wir können die elende Bürokratie abbauen. Die Führungskraft mit dem SAP-Gefühl steckt dazwischen und spricht dynamisch über Agilität, ändert aber nichts am System. Die Mitarbeiter sind nicht nur verunsichert, sondern vor allem frustriert. Wieder so eine Welle, die heiße Luft ist. Warum das so ist? Nun die Antworten auf Agilität sind kleine Verhaltensweisen, die drei Schrauben an einem Auftrag von 8 Millionen, die nun 3 Monate später abgerechnet und verumsatz werden, weil jemand für die 3 Schrauben einen Antrag geschrieben hat und eine Genehmigung wollte. …. keine Rechnung, kein Cashflow. Es gibt hier für keine Regeln – nur Prinzipien. Und das macht es so schwer, denn nach Regeln führen können viele (Arbeitsanweisungen) – aber nach Prinzipien? Dann muss man selbst ableiten? Da kann man Fehler machen? Ja. Aber man lernt und es geht sehr schnell viel schneller. Man muss sich nur trauen. ein wunderbarer Ansatz zu dem Thema Regeln befolgen und Prinzipien nutzen stammt von Dr. Gerhard Wohland, der bereits 2014 dazu ein Video in youtube veröffentlicht hat – ganze 56 Minuten. Excellent – über moderne Unternehmensführung.

Agil ist der Nachläufer von Lean – ein Prinzip

Genau genommen ist dieser ganze Trend nur die Fortsetzung eines Trends, den es schon nach dem zweiten Weltkrieg in Japan gegeben hat : LEAN. Toyota hat damit angefangen und Edwards Deming hat es als amerikanischer Berater betreut. Sein Konzept stammte noch aus dem kalten Krieg – die Männer waren als Soldaten in Europa – und die Firmen in USA hatten keine geeigneten Arbeitskräfte für Kriegsschiffe etc.. Das Thema damals, wie heute: Schnell und unkompliziert arbeiten, selbst denken dürfen und Kreativität nutzten. Die wichtigste Zielgruppe damals: Frauen. Zu dieser Erkenntnis kommt auch Stephen Denning in seinem letzten Buch: The Age of Agile.(Video in TED) Deshalb hat er auch so wenig darüber agile geschrieben und sich viel mehr in dem Buch an dem Thema „ShareholderValue“ festgebissen. Muss man so wenig über agile wissen? Weil es so alt ist? Weil es in Lean schon hinreichend erläutert wurde?

Warum ging das wieder in Vergessenheit? Nach dem Krieg rollte man die Selbstorganistation schnell wieder ein und es entstanden wieder die großen hierarchischen Systeme wie im Militär. Erst in den 70ern kam der Ball wieder ins Rollen, als die japanischen Auto-Firmen den US-amerikanischen Markt überschwemmten und dies mit guter Qualität zu einem sehr günstigen Preis. Auf einmal wollte man diese Konzepte übernehmen und genauso sein … auch wenn man damals nicht wusste, was das eigentlich bedeutet.

Militär – Hierarchie – Digital – KI

Genauso ist es jetzt auch wieder – an den Themen hat sich fast nichts verändert – es geht immer wieder im Hierarchie, Macht und Machtstrukturen, um Regelsystem und Einhaltung derselben. Es ist ein chronologisches, wiederholendes Arbeiten von Fließbändern und Fabriken.  Standard ist Trumpf, da effizient berechenbar. Das „moderne “ Managementsystem von Frederick Tailor ging dann von den Fabrikhallen weiter bis ins Controlling – und den Beratern und Wirtschaftsprüfern. Die natürliche Schiene,  ein geregelter Prozesse.  Dabei ist nur eins abhanden gekommen: der Sinn für Unternehmertum. Die 14 Führungsprinzipien von Edwards Deming haben deshalb auch heute noch Relevanz … wie man an diesen 11 neuen Ratschlägen sieht.
Der Wunsch vieler Planer ist die Voll-Digitalisierung und KI. Je weniger Menschen, desto weniger Diskussionen und Fehler, alles nach Plan auf Knopfdruck. Diese Phantasie wurde bereits in einigen Branchen gut umgesetzt, Logistik, Automation etc. Und dennoch, wer sich entwickeln will und innovativ sein muss, kann auf dieser Spur nicht das ganze Unternehmen fahren – man braucht auch die, die ausbrechen, alles auf den Kopf stellen, mutig sind und Neues erfinden. Das Glück – das jedes Unternehmen braucht – ist nun mal nicht planbar.

Kronos und Kairos

Kairos – Bild vom Kongress in Heiligenfeld 2018

Wenn man sich diese alten griechischen Figuren ansieht: Kronos und Kairos – der eine steht für die Wiederholung und den Standard wie die Uhr und die Gestirne, der Kairos für die ständige spontane Veränderung, der glückliche Moment, der Geistesblitz.

Wenn jetzt alle jammern, wir hätten eine VUCA Welt – dann kann man lächelnd zurückblicken und denken, ja diese gab es auch schon vor 2000 Jahren – da ruft ein Kronos. Aber ist das ein Wunder? Kronos kann ich immer wieder herstellen und erklären, aufzeichnen und in Schriften verpacken. Das ist gut für Berater und IT.

Der beflügelte Kairos fliegt so schnell an einem vorbei, dass man ihn von hinten nicht packen kann. Man muss das Glück beim Schopfe packen und den fliegenden Kairos vorne an der Locke festhalten. Das kann man nicht gut lehren, nicht gut beschreiben. Es geht um den Glücksmoment: In einer Fernsehsendung sieht Diana von Fürstenberg in New York die Tochter des Präsidenten Nixon in einem Wickeltop mit Rock. Sie hat einen Geistesblitz: Der Wrapp Dress – ein Wickelkleid ohne Reisverschluss. Es war ein Boom in den 70er Jahren und dann gab es nach 2000 wieder einen Relaunch. Heute kosten diese Kleider zwischen 300 und 500 EUR.  Viele Millionen Menschen haben die gleiche Sendung gesehen und keinen Geistesblitz gehabt – es lag nicht an der Sendung. Herrlich beschrieben übrigens in dem neuen Buch von Franz Johansson: The Click Moment.

Zum Glück haben die meisten Firmen ein gutes Gefühl dafür, wie viel Struktur und Hierarchie man braucht, um geordnete Bahnen zu haben …. und wie viel Freiraum für Kairos Momente. Das dies nicht in jedem Bereich gleich ist, ist nachvollziehbar. Vertrieb hatte schon eh immer ein Problem eingesperrt zu sein … die fliegen mit jedem Kairos los – und natürlich hat das Controlling die Aufgabe, einen Überblick zu schaffen und Transparenz für den Shareholder oder Eigentümer herzustellen, jeden Tag. Diese Spannung gilt es zu verstehen, wie beim Ein- und Ausatmen. Man kann das eine nicht ohne das andere.

Geh mal in die Wüste – erleb dich selbst neu

Es kommt auf die gute Mischung an und die Gewissheit, man kann sicher viel weglassen und einfacher machen. Aber das bedeutet Veränderung. Je älter man wird, desto klarer ist das Bewußtsein, wer man ist, was man tut und was man nicht tut. Das war harte Arbeit und das ändert man nicht einfach so. Warum auch? Veränderung am System ist immer sehr schwer und wer kennt nicht den Spruch: „Never change a running system“. Stimmt auch, vor allem bei IT. Aber es stimmt auch:  Je älter man wird, desto höher das Risiko, festgefahren zu sein. Alles was sich wiederholt ist ungefährlich, einfach, unkompliziert. Alles Neue birgt Unsicherheit. Und wenn man die Herausforderung mit 15 und 18 Jahren schon nicht gesucht hat, als man noch in der Pubertät alles konnte und „durfte“, dann entwickelt man diesen Drang nicht unbedingt mit 43. (Die dann kommende Midlifecrisis landet zu oft beim Therapeuten). Deshalb buchen viele Menschen immer den gleichen Urlaub, wohnen ewig in der gleichen Wohnung ja – und trennen sich auch nicht, wenn die Beziehung keinen Sinn mehr macht. Man arrangiert sich im Privaten so wie im Geschäftlichen.

Wie wäre es mit einer Idee … mal mit Zelt in die Wüste Gobi?  Etwas tun, was man noch nie gemacht hat und auch nicht der Kollege?  Was man da lernen kann? Nun – mit Ungewissheit leichter umzugehen 🙂 Sich selbst zu erleben, die anderen, denen es auch so geht, um dann zu sehen: Die Angst vor kleinen Dingen verdeckt den Blick für das wirklich Große dieser Welt, die Schönheit. Dabei kann man Zeltaufbaues in 10 Minuten beobachten und in 30 Minuten selbst ausprobieren ! Das war alles.

PS: Kairos – ein toller Kongress der Heiligenfeld-Kliniken in Bad Kissingen im Mai 2018 – da entstand das Kairos Fotos und die vielen Geistesblitze in meinem Hirn. Dank hier auch noch mal an die Geistesblitze von Dr. Natalie Knapp mit ihrem Vortrag: Die Unsicherheit als schöpferisches Potential, sowie Prof. Eurich mit seinem tiefen Wissen über die Ethik und Geschichte.