ChangeInnovation

Digitalisierung – wie reden wir nur drüber?

By 18. September 2015 No Comments

Über den Trend Digitalisierung wird zur Zeit viel geschrieben – auf der IAA geht es nur noch um die Digitalisierung des Autos und wer die Datenmacht hat, Daimler oder Google? Andere reden nur von der Industrialisierung 4.0 und lenken den Blick in die Fabrikhallen, als ob dort die nächste Revolution ausbrechen würde. Dabei ist dort die Automatisierung schon am weitesten fortgeschritten. Menschenleer könnte es bald sein und das nicht nur hier – sondern auch in den Verwaltungen. Spannend ist die Literatur der Forschung – die unter dem Strich besagt, dass alles, was man in Mustern erkennen kann und über Algorithmen erfassbar ist, demnächst automatisieren wird. Viele neue Daten die erhoben werden, können außerhalb des Systems analysiert und dort zu neuen Produkten aufbereitet werden, auch wenn die Masse der Urheber nichts davon hat. Das muss man erst einmal verstehen.

Eigentlich könnte man auch sagen, Digitalisierung beschleunigt die Standardisierung, macht aber dank Rechnerkapazitäten die Bandbreite grösser. Wenn aber die Daten bei Firmen wie Google und Microsoft zusammenlaufen, weil dort die Rechenzentren alles aufsaugen, dann haben die meisten Firmen keinen Zugriff darauf, obwohl sie die Daten erheben. So wie die Privatdaten von einzelnen in Facebook gebündelt wieder Informationen herstellen, so ist es auch mit Daten aus Autos, Bus- und Bahn, Geldflüssen und Kaufverhalten. Aber auch in der Medizin: Röntgenaufnahmen werden gleich vom Rechner ausgewertet und mit 1000 anderen Brustbildern verglichen – nur bei Auffälligkeiten wird ein Arzt eingeschaltet. Sonst läuft es wie beim Scan auf Flughafen: Reingehen – Hände hoch – rausgehen. Danke.

Hier ein kleiner Auszug aus einer Oxford Studie zu dem Thema: „In health care, diagnostics tasks are already being computerised. Oncologists at Memorial Sloan-Kettering Cancer Center are, for example, using IBM’s Watson computer to provide chronic care and cancer treatment diagnostics. Knowledge from 600,000 medical evidence reports, 1.5 million patient records and clinical trials, and two million pages of text from medical journals, are used for benchmarking and pattern recognition purposes. This allows the computer to compare each patient’s individual symptoms, genetics, family and medica- tion history, etc., to diagnose and develop a treatment plan with the highest probability of success (Cohn, 2013). „ Die Auswirkung auf die Firmen wird sein: Reduktion der Routinejobs durch Automation, Outsourcing an Firmen, die dies bereits digitalisiert haben. Das betrifft vor allem Administration und alles, was schon Standard ist. Laut der Studie aus Oxford werden gerade die Jobs wegfallen, die heute das Mittelfeld ausmachen. Die Ränder bleiben stehen, wie bei der umgekehrten Gausschen Kurve. Der Facharbeiter, der gerade noch dringend gesucht wurde, wird mindere Tätigkeiten machen … upgrading wird schwierig, da auch hier die Reihen durch Internationale Spitzenkräfte bereits besetzt sind. Hier läuft alles in Englisch – Muttersprache spielt keine Rolle mehr. Die MBAs dieser Welt werden sich nicht gerechnet haben.

Wie erklärt man Veränderung?

Einige Beiträge versuchen es mit Angst: Ohne Schock keine Digitalisierung Aufbruch zum Change Management. Als ob das helfen würde. Wie soll man eine Situation kommunizieren, die man nicht verstanden hat, oder, die man einfach nicht kennt? Das wird schwierig. Oft entstehen dann erst recht viele Fragezeichen und wenn man keine Antworten hat, dann entstehen Gerüchte, Ängste und Widerstand. Dann doch lieber gar nichts tun oder ein Seminar: Welcher Typ bin ich? Kann ich mit Stress umgehen?

Kommunizieren von Komplexität

Komplexität zu beschreiben und zu verstehen ist nicht einfach, es Bedarf der Reduktion auf das Wesentliche. Zu viel Information ist gleich Reizüberflutung, zu viele Abkürzungen erzeugen Kauderwelsch. Unsere Fachexperten können aber schon an der Universität nicht miteinander sprechen, geschweige denn im Unternehmen. Interdisziplinarität heißt den Elfenbeinturm zu verlassen und sich verständlich machen. Dazu braucht es manchmal Kommunikationsexperten – die den Prozess unterstützen. Die wichtigste Aufgabe ist es, zu verdichten, was man über die Firma, den Wettbewerb und den Markt weiß. Man muss Ahnung haben von Psychologie, sollte etwas über Soziologie verstehen, etwas über Unternehmen und am besten verfügt man noch über gesunden Menschenverstand. Jeder Facilitator einer Simulation sollte das können – das macht den Job so spannend und für den Teilnehmer so wertvoll.

Es geht darum, Dinge zusammenzubringen, zu Vernetzen. Integrierte Workshops sind selten, oder zu oberflächlich. Wenn aus jeder Abteilung einer im Raum ist und alle tragen ihren Ansatz vor, ist das noch nicht die ganze Welt der Firma. Es ist eine Innenansicht. Was von Außen kommt wird gerne ausgeblendet. Deshalb ist es wichtig, das System im System zu verstehen und dieses als Ganzes zu betrachten. So wie der Darm ein Organ in unserem Körper ist und maßgeblich davon beeinflusst wird, was er vom Magen bekommt, bzw, was wir durch den Mund hineinschieben. Auch wenn der Trend zum „Gesamtblick“ hier zugenommen hat, musste doch die junge Studentin Giulia Enders das Buch schreiben: Darm mit Charme – über ein unterschätztes Organ. Ihr war es unvorstellbar, dass all die tollen Forschungsergebnisse der verschiedenen Universitäten in Fachkonferenzen vorgestellt werden, aber nie bei einem Hausarzt ankommen, geschweige denn, bei den Inhabern der Därme. Unglaubliche Leistung an Sprache, Einfühlung und Darstellung der Zusammenhänge in einem Taschenbuch.

Und Wirtschaft und Unternehmertun?

Anfassen ist begreifen – und deshalb kann man Unternehmen auch simulieren, wie ein Monopoly Spiel. Was passiert wenn wir uns nicht bewegen? Was passiert, wenn wir weniger Ballast mit uns rumschleppen? Auch Wirtschaft ist ein Modell – das man vereinfachen kann. Planspiele und Simulationen sind ein wunderbares Instrument, um die Zusammenhänge aufzuzeigen und anzufassen. Man begreift sprichwörtlich. Wenn man dann noch fragt: Wo stehen wir heute, was kommt auf uns zu? Wie gehen wir damit um? Richtig kommuniziert, werden die Auswirkungen schnell klar. Entweder man bewegt sich selbst, oder man wird bewegt oder weggeschubst.

Einbettung ist wichtig Einbetten

Wichtig ist hier nur: Das „Vor dem Spiel“ und das „Nach dem Spiel“ – also die Reflektion um das Spiel- muss stimmen. Der Facilitator steuert diese Phasen, aber der Kontext muss eingespeist werden. Oft hilft da ein Forum wo Kunden und Partner eingeladen werden, um mitzureden und ihre Ansicht einzubringen. Wie die Systemiker sagen: „Das ganze System muss eingeladen werden“ – nur die Frage bleibt oft, wen haben wir vergessen, Uber und co? Aber auch da gibt es eine Brücke: Die alten „Denkhüte von De Bono“. Wenn nicht alle im System sind, dann konstruiert man es eben. Wichtig ist nur, man versucht es. So kann auch eine Simulation, die verschiedene Szenarien aufzeigt, daraufhin abzielen: Wenn wir jetzt an der Schraube auch noch drehen, was passiert den dann? Und schon sieht man, wer dann aktiv werden sollte oder überflüssig wird. Wichtig ist der Ansatz, warum man simuliert und wie man die Welt sieht. A&O Simulatin Celemi

Mitarbeiter, die ein System nicht mehr verstehen, stehen vor einem Nebel. Es raubt viel Kraft, sich auf Nebel einzulassen. Wenn man klarer sieht, kann man schneller handeln. Wenn man weiß, dass die Digitalisierung viele Jobs im Mittelfeld automatisieren wird, sollte man sich um einen Job bemühen, der mehr mit Kommunikation und Service am Menschen zu tun hat. Friseure werden auch in der Digitalisierung nicht arbeitslos, es sei denn, wir werden alle zu Glatzen oder tragen Perücken.