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Märchen im Change Prozess – visionäre Kommunikation

By 17. Juli 2018 No Comments

Es gibt kranke Unternehmen. Jeder sieht es und jeder weiss es, aber es wird nicht darüber gesprochen, weil es nur Betroffene gibt und jeder seine Geschichte hat. Was ist wirklich los? Wie hängt eigentlich alles zusammen? Wer ist der Treiber und wer kann es richten?

Wenn Unternehmen festgefahren sind und sich nichts mehr bewegt, werden Menschen krank. Es hilft, hier eine Vision der Lösung zu erstellen, um den Betroffenen ein positives Zukunftsbild zu geben. Dies kann in Form eines Märchens geschehen, weil hier die Dinge einfach sind, es gibt Gute und Böse und magische Momente. Es gibt auch immer ein Happy End- oder zumindest kann man es sich hier aussuchen :-). Es ist wie die Bannung eines inneren Stresses nach aussen. Es tut gut  es anzuschauen. Es ist nicht mehr nur innen – es ist geboren. Dieses Gefühl beschreiben die Betroffenen, wenn Sie mit dem Märchen arbeiten.

Hier ein Beispiel aus meinem Umfeld. Ich habe es das Märchen vom Schimmelpilz genannt, weil dies die Katastrophe ausgelöst hat und auch gleichzeitig die Lösung ist. Aber lesen sie selbst.

CC Claudia Schmitz

Der Schimmelpilz – CC Claudia Schmitz

Das Märchen vom Schimmelpilz

Es war einmal in einem fernen Land, vor den sieben Bergen, an einem schönen See. In diesem Land gab es eine Königin und Ihren Gemahl, die sich von Herzen für die Menschen und deren Wohl einsetzten. Sie machten Gesetze und verkündeten diese im ganzen Land, damit alle Leiter der Firmen und Organisationen diese dann intern umsetzen sollten. Sie hatten sich besondere Mühe gegeben und das Ziel der Gesetze war, dass Menschen ihren Fähigkeiten gemäß eingesetzt werden sollen, dass man sie unterstützen und beraten soll und dies die Pflicht und Aufgabe einer jeden Führungskraft ist. Wenn alle sich so verhalten würden, brauchte man gar kein Gesetz, denn jeder würde sich um das Wohl des anderen kümmern, damit das Ganze gesund bleibt.

Nun gab es aber auch einen Visier im Lande und der achtete sehr auf die Wirtschaftlichkeit der Betriebe der Königin. Kein Geld sollte verschwendet werden, kein Essen vergeudet, keine Zeit ungenutzt bleiben. Dafür hatte er sich ein Bonussystem ausgedacht. Die gut wirtschafteten, bekamen einen Bonus. Die Geschäftsführer und Leiter setzten auch dieses System in ihren Betrieben um, manche mehr, manche weniger. Da alles in Zahlen gemessen werden konnte, hatte jeder Leiter und jede Leiterin eine Liste von Zahlen, die ihr Können bezeugten. Die Wirtschaftlichkeit war transparent, die Gesundheit der Menschen wurde nicht gemessen.

Keine Harmonie zwischen Gesundheit und Wirtschaftlichkeit

Nun passierte es leider immer wieder, dass die beiden Konzepte nicht harmonisch miteinander in Einklang waren. Die Zahlen wurden bei einigen so wichtig, dass die Führung die Zeit für Gespräche und Coaching als Zeitverschwendung ansah.  Wenn man stattdessen Angst säht, arbeiten die Menschen mehr und reden weniger. Sie sind dann traurig, erschöpft und fühlen sich nicht gesehen – aber das wirkt sich in erster Linie noch nicht auf die Zahlen aus. Es merkt am Anfang niemand.

So gingen die Jahre ins Land und ein Unternehmen war ganz besonders fleißig, die Zeiten und die Gelder zu kürzen. Alles Geld wurde gesammelt, um einen Neubau zu finanzieren, der das Highlight des Betriebes sein sollte. Es sollt das Denkmal des Unternehmens werden. Hier ging es aber leider nicht so zügig voran, der Bau stockte und es dauerte viel länger als geplant. In dieser Zeit wurde aber kein Geld mehr in die alten Gebäude investiert. Diese verwahrlosten langsam und es entstand Schimmelpilz durch die feuchten Wände.

Angst zieht durchs Haus – und man hört Schreie

Alle konnten es sehen, aber niemand sagte etwas. Alle hatten einen Vorgesetzten, der auch mit Angst führte, weil er und sie selbst so einen Chef hatten.  So hatte sich die Angst wie der Schimmelpilz bereits im ganzen Unternehmen durchzogen. Wenn aber die Angst noch nicht reichte, wurde der Personalchef gerufen und der hat dann geschrien und die Sache auf seine Weise geklärt. Viele hielten das nicht aus – wer konnte, ist gegangen. Die Menschen aus der Region, die hier mit Haus und Hof verwurzelt waren, konnten nicht gehen und wurden krank.

Es lag eine Schwere auf der Firma und das einzige helle Zimmerchen war das der Arbeitsmedizinerin im roten Anbau. Hier konnten sich einige retten und wenn die Ärztin dann nur sagte: „Na, was ist denn bei Ihnen los?“ – dann flossen oft die Tränen und endlich konnte man sich einmal ausschütten, all das Leid, dass niemand sehen wollten. Die Ärztin schaffte es manchmal, diese Menschen in eine Klinik zu überweisen, damit sie sich etwas erholen konnten. Aber richtig helfen, dass wusste sie, konnte sie in diesem System nicht. Immer, wenn die Menschen dann wieder in die Arbeit kamen, fing das alte Spiel von vorne an und es dauerte ein paar Monate und schon waren die Menschen wieder krank.

Keiner hat mehr Hoffnung auf Veränderung – jeder wartet auf ein Wunder

Auch das ging ein paar Jahre so. Die Stimmung war getrübt, keiner hatte mehr Hoffnung und vor allem: Es sprach keiner mehr darüber. Jede*r dachte, es ist nur bei mir so, weil ich so schlecht und krank bin, den anderen geht es bestimmt besser. Damit blieb alles wie es ist.

Nun ereignete sich aber ein Fall, der das ganze Thema in Bewegung brachte. Eine Mitarbeiterin hatte Lungenbeschwerden. Ihr Hausarzt hat eine Untersuchung in eine Fachklinik angeordnet und diese kam zu dem Ergebnis: Befall von Schimmelpilzen – drei verschiedene gleich. Mit diesem Befund ging sie zu ihrem Vorgesetzten und wollte eine Erklärung vom Arbeitgeber, die ihre Arbeitsunfähigkeit bestätigt, da die Umstände sie krank gemacht haben.

Das musste ja jetzt jemand annehmen. Der Vorgesetzte wollt es nicht tun und gab es in die Personalabteilung. Diese sagte: „Oh wir doch nicht, dafür haben wir doch einen Betriebsarzt.“ Also ging die Personalabteilung zu unserer Betriebsärztin und wollte eine Unterschrift. „Halt, halt“ rief diese „so einfach geht das nicht. Ihr müsst schon die Gesetze einhalten. Wir brauchen jetzt erst einmal ein Gutachten, ob wir Schimmelbefall haben und dann welchen. Dann können wir die beiden Schimmelpilze abgleichen und ggf. eine Verbindung sehen. Aber das ist Aufgabe der Vorgesetzten in der Fachabteilung – jeder muss sich um das Wohl seiner eigenen Leute kümmern, so wie die Königin dies in ihren Gesetzen vorgesehen hat. Da schrie der Personalleiter sie an und setzte sie unter Druck. Aber sie war standhaft, verweigerte. Nachmittags wurde aber der Druck so stark, dass sie heulend nach Hause fuhr und sich ins Bett legte.

Da ein Gutachten dieser Art aber mal wieder teuer ist, hat die Personalabteilung darauf verzichtet und Geld gespart. Nun – da es nun auch nichts gab, und keine Informationen aufgearbeitet waren, musste der Fall extern behandelt werden durch das Gewerbeaufsichtsamt. Leider hatte sich in dem Land so einiges geändert und auch die Aufgaben der Gewerbeaufsicht waren nicht mehr Aufsicht, sondern nur noch Beratung. Für die Firmenleitung ein Papiertiger ohne Zähne, den man nur mal laut anbrüllen muss, und schon sind diese ruhig.

Das Gute siegt – die Kraft kommt von aussen

Man hatte in dieser Geschichte die Mitarbeiterin unterschätzt und deren Hausarzt. „Na, was ist denn da los, wieso winden die sich denn alle so? Da muss ich doch mal das Gesundheitsamt einschalten, so geht es ja nicht!“ Gesagt getan und schon am nächsten Tag kam jemand vom Amt vorbei und wollte mit allen Beteiligten sprechen, um sich ein Bild zu machen. Da die Personalabteilung allen natürlich verboten hatte, irgendetwas zu sagen, musste der Beamte mit dem Chef der Personalabteilung reden. Dieser verhielt sich wie immer: laut und aggressiv. Doch das interessierte den Beamten nicht, denn er arbeitete im Schutz der Königin und informierte noch am selben Tag den Minister. Dann ging alles schnell: Der Minister informierte die Königin und die war empört, dass ihre Gesetze nicht geachtet worden sind. Der Visier wurde natürlich nicht gefragt, denn ob jemand gut oder schlecht wirtschaftet, steht unter dem Gesetz der Achtung der Gesundheit.

Ein Verfahren wurde eingeleitet und der oberste Chef und der Personalchef wurden noch im gleichen Monat vom Dienst suspendiert und durften nicht mehr arbeiten. Die Firma musste sich für eine Zeitlang selbst verwalten, aber das war kein Problem. Alle jubelten insgeheim und dann auch laut. Die Betriebsärztin wusste, dass man hier ein Ritual abhalten muss, um die bösen Geister der beiden loszuwerden. Sie veranstaltete ein großes Fest und alle wurden gebeten, ihre Schicksale aufzuschreiben und dann gemeinsam am Abend dem großen Feuer zu übergeben. Da standen dann alle und wirklich jeder hatte etwas für das Feuer. Befreit und freudig feierten alle gemeinsam und einige wenige weinten auch. Sie hatten zu lange gelitten und waren sprachlos, dass es jetzt auf einmal vorbei sein sollte.

Die Erneuerung von innen – Selbstorganisation

Zwei der Geschäftsführer, die sich auch nicht haben wehren können, beschlossen, nun ein Manifest zu verabschieden, dass das alte Leitbild ersetzt. Hier stand ganz klar an oberster Stelle das Gesetz der Königin – der Mensch muss gesund und freudig arbeiten, so wie es für sein Alter und sein Können möglich ist. Nur so bleibt das Unternehmen gesund.

Von da an ging alles leichter. Die Führungskräfte nahmen ihre Rolle so an, wie die Königin es wollte und waren selbst glücklich damit, da es ihnen jetzt selbst auch besser ging. Es brauchte kein Druck mehr weitergegeben zu werden, sondern der Sinn und Zweck stand im Mittelpunkt. Es ging alles viel schneller und reibungsloser. Da die Mitarbeiter jetzt auch wieder Ideen einbringen durften, wurde an vielen Stellen der Prozess optimiert, es wurde renoviert und der Schimmel beseitigt. Aber man hatte es dem Schimmel nicht vergessen, denn nur er hatte den Ball ins Rollen gebracht. Deshalb wurde in einer Werkstatt ein Denkmal in Auftrag gegeben. Es war eine Wand mit Kacheln voller  kleine blauer Schimmelpilzen, die als Erinnerung an die alte Zeit im Hof aufgehängt wurde.

Claudia Schmitz
15. Juli 2018