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Korpsgeist und Führungskräfte

By 14. März 2010 No Comments

KORPSGEIST MACHT BETRIEBSBLIND, so lautet die provokante Headline in der Tageszeitung. Es geht um Kultur in den Chefetagen, um Diversity in Forschungsteams und die Feststellung, dass Vielfalt im Denken mehr Gewinn macht. Das hat eigentlich nichts mit Feminismus zu tun, sondern mit Homogenität von Gruppen und deren Verhalten. Aber zunächst mal die aktuelle Sicht – dann die ethnologischen Hintergründe.

„Homogene Gruppen entwickeln oft einen Korpsgeist, der betriebsblind macht“, sagt Top-Headhunter Heiner Thorborg. Um dem Fachkräftemangel zu begegnen und um ein gutes Ergebnis zu erzielen, ist ein neuer Blick nötig. Denn das Ergebnis wird deutlich besser, wenn mindestens drei Frauen die Unternehmenskultur des Vorstands beeinflussen und in Firmen mit mehr Frauen ist eine bis zu 48 Prozent höhere Umsatzrendite möglich; auch Aktienkurse und Gewinn fallen erheblich höher aus. Ähnlicher Beitrag auch im Handelsblatt

Das hat viel mit Systemik zu tun.
Je homogener eine Gruppe ist, desto eher neigt sie dazu, sich einzuigeln und die eigenen Stärken zu huldigen, in der Abgrenzung zum nächsten „Stamm“ ist man besser. In der Frühgeschichte führte das zur Inzucht und schon unsere Ur-Ur-Vorfahren wussten, nur durch gute Durchmischung der Gene wird Kraft entstehen. Erst Claude Levi Strauss, der große französische Ethnologe, hat dies in seinen Studien an Südamerikanischen Stämmen belegen können: Es gelten hier, wie in fast allen Kulturen, klare Regeln, wer wenn heiraten darf und muss, um eine gute genetische Basis zu schaffen. Diese Kreuzverwandschaften haben aber auch noch einen anderen Vorteil: Sie befrieden nämlich. Jeder hat ja Blutsverwandte im anderen Stamm. Deshalb ist Verhandeln eher angesagt, als gleich Totschlag.

Aber wie sieht es mit unserer deutschen Kultur aus? Untersuchungen zeigen: Wir neigen zu Homogenität, bereits in der Schule. Die Ausbildung von Eliten führt zu Selektion und Aussonderung. Wer nicht dem Ideal entspricht, stört. Das war schon das Denken im alten Sparta und zeigt von einer alten Kriegerkultur (in Abrenzung und Kampf zum Nachbarn). „Das Schulsystem legt den Lehrkräften nahe, sich der Schülerinnen und Schüler, die Probleme haben oder machen, durch Klassenwiederholung oder durch Abstufung in niedrigere Schulformen zu entledigen. Damit wird ein „Anspruch“ auf homogene Gruppen befördert.“ So die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft zum Thema Homogonität – in Vergleich zu den skandinavischen Ländern, in denen Heterogenität einen höheren Stellenwert hat. „Das Motto der skandinavischen Schulen „Jedes Kind ist wichtig – keines bleibt zurück“ verlangt eine andere Ausbildung. Differenzierende und individualisierende Lehr- und Lernformen, die alle Schülerinnen und Schüler entsprechend ihren Möglichkeiten fördern und ihre Aktivitäten und Leistungsbereitschaft herausfordern, gehörten lange nicht zum deutschen Repertoire.

Zurück zum Korpsgeist und Eliten. Wir sprechen in den Unternehmen gerade mal wieder vom „War for Talents„. In der heutigen Industriewelt erleben wir diesen Austausch durch Marktgesetze. Unsere besten Talente  (gut ausgebildete Spezialisten und Generalisten) wandern dorthin, wo es Ihnen am besten geht: Privat (richtige Umgebung) und für die Karriere (Aufstiegsmöglichkeiten, gutes Forschungsumfeld, Peer-Groups zum Austausch, Anwendungsmöglichkeiten, Freiheit). Geht es einer Firma schlecht, oder verändert sich das Klima, besteht höchste Gefahr, dass diese Talente durch die Tür abwandern. Der Verlust für  Unternehmen ist hoch, denn es gibt keine Heiratsregel, nach der automatisch der Nachwuchs von der Konkurrenz kommt. Da ist Imagepflege (siehe Video Schaeffler) angesagt, sowohl für den Kunden als auch für den Personalmarkt. Leadership bedeutet aber, eine Gruppe zusammenzuhalten und zu führen. Wer aber nur nach Kennzahlen führt, hat oft nicht den Blick für die Dynamik und die Motivationen von Gruppen. Deshalb auch hier – systemisches Verstehen von Gruppendynamik muss man üben. Und wie in der Schule, es geht nicht immer um Aussondierung der BESTEN, sondern das vorhandene Potential zu stärken und zu entwickeln.

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